Aargauer Wirtschaft trotzt globalen Turbulenzen: Zwischen Optimismus und regulatorischen Herausforderungen

Aargauer Wirtschaft behauptet sich in turbulentem Umfeld

Die Aargauer Wirtschaft zeigt sich trotz globaler konjunktureller und geopolitischer Belastungen überraschend robust. Eine Umfrage der Aargauischen Industrie- und Handelskammer (AIHK) unter 449 Unternehmen aus verschiedenen Branchen ergab, dass die Mehrheit das abgelaufene Geschäftsjahr 2025 als befriedigend bis gut bewertet. Für das laufende Jahr 2026 zeigt sich eine Mehrheit der Befragten optimistisch, wobei die Einschätzungen zwischen exportorientierter Industrie und binnenmarktorientierten Dienstleistungen deutlich auseinandergehen.

Branchenungleichgewicht: Dienstleister vs. Industrie

Während die Dienstleistungsbranchen von der starken Binnennachfrage profitieren und die allgemeine Entwicklung deutlich positiver bewerten, leidet die Industrie unter der Kombination aus schwachem globalem Wachstum, geopolitischen Spannungen und dem strukturell starken Schweizer Franken. Besonders die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM) zeigt ein heterogenes Bild: Während die Elektroindustrie das Geschäftsjahr 2025 als gut beurteilt, sind die Unternehmen der Metallerzeugung und des Maschinenbaus deutlich weniger optimistisch. Die jüngste Protektionswelle durch US-Zölle und EU-Grenzausgleichszölle stellt eine erhebliche Bedrohung für die kleine, offene Schweizer Volkswirtschaft dar.

Im Bauwesen und bei den Finanzdienstleistern hat sich die Lage hingegen deutlich verbessert, während sich Einzelhandel und Elektroindustrie verschlechtert haben. Die Gummi- und Kunststoffhersteller sowie die Hersteller von Papier- und Druckerzeugnissen bewerten ihre Lage gar als weniger befriedigend bis schlecht.

Arbeitsmarkt und US-Handelspolitik

Die angespannte konjunkturelle Lage spiegelt sich auch am Arbeitsmarkt wider. Die Arbeitslosigkeit stieg im vergangenen Jahr von 2,6 auf 3,0 Prozent. Der Industriesektor baute die Stellen um 1 Prozent ab, während der Dienstleistungssektor mit einer Zunahme von 2,5 Prozent für 2025 auftrumpfen konnte. Für 2026 wird im Durchschnitt mit einem bescheidenen Beschäftigungsplus von 0,6 Prozent gerechnet.

Im Hinblick auf die US-Handelspolitik zeigt die Umfrage eine gespaltene Risikolandschaft: Während 61 Prozent der befragten Aargauer Unternehmen von den erhöhten US-Zöllen nicht betroffen sind (im Dienstleistungssektor sogar 95 Prozent), sind im Industriesektor 80 Prozent der Unternehmen direkt oder indirekt konfrontiert. AIHK-Direktor Beat Bechtold betont: «Die grösste Herausforderung der US-Zölle sind nicht die Zollsätze an sich, sondern die daraus resultierende anhaltende Unsicherheit.» Diese mangelnde Planbarkeit erschwere Investitionsentscheide und verzögere strategische Weichenstellungen.

Stadt Aarau setzt auf Stabilität und langfristige Investitionen

Auf kommunaler Ebene setzt die Stadt Aarau auf finanzielle Kontinuität. Der Stadtrat rechnet für die kommenden Jahre mit einem unveränderten Steuerfuss von 96 Prozent, wie das Budget 2026 und der Politikplan 2026–2030 vorsehen. Trotz anhaltender Aufwandüberschüsse bis 2029 soll die Schuldenbremse beim Eigenkapital eingehalten werden.

Die geplanten Nettoinvestitionen bis 2030 belaufen sich auf 156,3 Millionen Franken, durchschnittlich 26,1 Millionen pro Jahr. Das Investitionsvolumen liegt damit um drei Millionen Franken höher als im letztjährigen Politikplan. Spitzenjahr wird 2030 mit 62,3 Millionen Franken sein. Das grösste Einzelprojekt bildet die Erweiterung der Schulanlagen für die Oberstufe inklusive der Sanierung der Anlage Zelgli, wovon 69 Millionen Franken in die aktuelle Planungsperiode fallen.

Für 2026 sind Nettoinvestitionen von 37 Millionen Franken budgetiert, wobei rund 60 Prozent als realistisch umsetzbar gelten. Schwerpunkte bilden Beiträge an das Projekt KiFF 2.0, die Projektierung von Oberstufenschulraum sowie die Sanierung der Sportinfrastruktur Winkel im Stadtteil Rohr.

Neue regulatorische Rahmenbedingungen für Immobilien und Energie

Parallel zu den konjunkturellen Entwicklungen sind 2025 zahlreiche gesetzliche Neuerungen im Umwelt- und Energiebereich in Kraft getreten, die direkte Auswirkungen auf den Immobiliensektor haben. Gebäude verursachen rund 40 Prozent des nationalen Energieverbrauchs und fast ein Drittel der CO2-Emissionen.

Klimaschutzziele und Gebäudeenergie

Das Bundesgesetz über die Klimaschutzziele, die Innovation und die Erhöhung der Energiesicherheit (KIG) trat am 1. Januar 2025 in Kraft und definiert das Ziel der Klimaneutralität bis 2050. Der Schweizer Gebäudebestand darf ab 2050 keine Treibhausgase mehr ausstossen. Ergänzend dazu verlangt die überarbeitete CO2-Verordnung von Gebäuden eine Reduktion der Treibhausgasemissionen um 50 Prozent bis 2030 im Vergleich zu 1990.

Die Kantone sind verpflichtet, dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) regelmässig über technische Massnahmen zu berichten, darunter der Ersatz fossiler Heizsysteme durch Wärmepumpen oder Fernwärme sowie die Verbesserung der Wärmedämmung. Unterstützt werden diese Initiativen durch das seit 2010 bestehende Gebäudeprogramm und die CO2-Abgabe auf fossile Brennstoffe in Höhe von 120 Franken pro Tonne CO2.

Flexibilisierung von Lärmschutz und Verbandsbeschwerderecht

Zugunsten des dringend benötigten Wohnungsbaus wurden die Lärmschutzauflagen gelockert. Die Revision des Umweltschutzgesetzes (USG) und der Lärmschutzverordnung (LSV), die 2025 in Kraft traten, ermöglichen es, bei neuen Wohnungen künftig nur noch in einem lärmempfindlichen Raum pro Wohnung die Immissionsgrenzwerte bei offenem Fenster einzuhalten oder alternativ ein Kühlsystem bereitzustellen. Mindestens die Hälfte der lärmempfindlichen Räume muss über ein Fenster verfügen, in dem die Lärmgrenzwerte eingehalten werden.

Gleichzeitig schränkt die laufende Revision des Natur- und Heimatschutzgesetzes (NHG) das Beschwerderecht von Verbänden bei künftigen Immobilienprojekten ein. Kleine und mittlere Wohnbauprojekte mit einer Geschossfläche von weniger als 400 Quadratmetern in Bauzonen sollen vom Verbandsbeschwerderecht ausgeschlossen werden, um eine unausgewogene Situation zwischen privaten Bauwilligen und Umweltorganisationen zu verhindern.

Energieversorgung und Stromkosten

Die Änderung der Stromversorgungsverordnung (StromVV) senkt ab 2026 die gewichteten durchschnittlichen Kapitalkosten (WACC) für Stromnetze auf 3,43 Prozent (von 3,98 Prozent im Tarifjahr 2025). Dies soll zu Einsparungen von 124 Millionen Franken für Stromkonsumenten führen und insbesondere Immobilienbesitzer entlasten. Das revidierte Energiegesetz (EnG) zielt auf die Steigerung der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien und die Verringerung der Importabhängigkeit ab, mit Finanzhilfen für erneuerbare Energien bis 2035.